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September 30, 2020

AVL List-Personalchef Markus Tomaschitz: "Es soll Freude bereiten, nebenbei zu arbeiten"

Dr. Markus Tomaschitz ist Vice President Corporate Human Resources beim Technologie- und Zulieferunternehmen AVL List. Das Familienunternehmen mit Sitz in Graz hat weltweit mehr als 11.500 Mitarbeiter:innen und gehört zu den heimischen Hidden Champions. In WisR Talks erzählt der Personal-Chef, warum viele der AVL-Mitarbeiter trotz Pensionsantrittsalters weiterarbeiten - und warum diese Möglichkeit keinesfalls nur Altruismus ist.

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WisR Talks: Herr Tomaschitz, was hat Sie in Ihrem bisherigen Berufsleben denn ein Stück weit "WisR" gemacht?

Markus Tomaschitz: Ich hatte das große Glück in meinem Leben, mit Personen in Kontakt zu treten, die mir Mentoren waren und von denen ich mir viel abschauen konnte. Sie haben mich sozusagen unter deren Fittiche genommen. Das hat mich definitiv weiser gemacht, weil Erfahrung durch nichts zu ersetzen ist. Und ich von dieser Erfahrung enorm profitiert habe.

WisR Talks: Die AVL List wurde 2018 und 2019 im Ranking der attraktivsten Arbeitgeber auf Platz 1 gewählt, 2020 waren Sie auf Platz 2. Was freut denn die Mitarbeiter:innen so daran, hier zu arbeiten? 

Markus Tomaschitz: Das eine ist, dass wir bei AVL ein Umfeld für sehr Junge bieten - das beginnt mit 15 Jahren bei den Lehrlingen - und geht bis hin zu den erfahreneren Mitarbeiter:innen, die - wie im Falle unseres Eigentümers - schon in ihren 70ern sind. Dieses Umfeld bedeutet für alle, sensibel und sensitiv für die jeweiligen Erwartungshaltungen der Persönlichkeiten im Unternehmen zu bleiben. Wir schaffen ja auch unternehmerische Rahmenbedingungen, die relativ frei sind, wir lassen relativ viel zu. Das Zweite ist: Ich glaube, dass wir ein technisches Umfeld haben, das hochinteressant ist für Naturwissenschaftler:innen, Spezialist:innen, Mechatroniker:innen und Menschen im Maschinenbau, die mit den neuesten Technologien zu tun haben. Und der dritte Aspekt ist mit Sicherheit der globale Ansatz. Wir sind ein global agierendes Unternehmen, wir haben Mitarbeiter:innen bei uns in Graz mit 50 unterschiedlichen Nationalitäten, wir sind in 30 Ländern dieser Welt und dieses Spannende aus Internationalität, Technik und auch dieser Freiheit macht ein besonders interessantes Gemisch aus.

WisR Talks: Ist es das, was die Personalarbeit in einem so großen Unternehmen besonders reizvoll macht?

Markus Tomaschitz: Das besonders Reizvolle ist, es ich es mit Menschen zu tun habe, die Ecken und Kanten haben und die vielleicht nicht immer ganz leicht zu führen, nicht immer ganz leicht zu handeln aber dadurch unheimlich spannend sind. Mit ihnen entsteht Reibung. Das ist vielleicht einzigartig - was Sie in manchen Unternehmen so nicht finden.

WisR Talks: Die Generationenzusammenarbeit ist ja nicht immer einfach. Wir wissen, dass homogene Teams einfacher zu führen sind, als heterogene. Darauf möchten wir gern später im Details zu sprechen kommen. Davor zu einem ganz aktuellen Thema: Wie erleben Sie die Krise in diesen Monaten, wie beeinflusst sie die Zusammenarbeit in Ihrer Organisation?

Markus Tomaschitz: Das ist eine sehr gute Frage, die nicht mit einem Satz zu beantworten ist, weil sie sich verändert hat. Ich habe am Anfang - in den Monaten ab dem 13. März bis in den Mai hinein - eine unheimliche Solidarität erlebt, die in dieser Form, glaube ich, noch nie da war. Es war eine besondere Herzlichkeit in der Zusammenarbeit, die dann auch in eine gewisse Erleichterung umgeschlagen ist, als man so manche Lockerungen ja auch spürbar erlebt hat. Sowohl im Privaten als auch im Beruflichen. Wo dann aber schon auch die Sorge hineinkam: Wie wirkt sich das denn wirtschaftlich aus? Sie haben ja erlebt, dass wir im zweiten Quartal in Österreich 14 Prozent Minus Bruttoinlandsprodukt haben und klarerweise wirkt sich das auch auf Unternehmen, wie die AVL, aus. In dieser Zeit kommen auch noch Sorgen dazu, da und dort auch Ängste. Manchen Menschen macht es viel aus, manchen weniger. Wir haben nach wie vor im Unternehmen sehr sehr viele Mitarbeiter:innen in Kurzarbeit, im Homeoffice...Also es ist ein bisschen weniger Solidarität und ein bisschen mehr Angst und Sorge, die insgesamt auch zu einer anderen Form der Zusammenarbeit führen. Das ist immer noch sehr gut aber man spürt schon, dass da oder dort Mitarbeiter:innen, die hochintelligent sind und auch sozusagen in der Lage sind, mit ihren Gedanken noch jenseits der Horizonte zu blicken, merken, dass das sehr schwierige Zeiten sind in denen wir jetzt arbeiten. Und die noch auf uns zukommen.

WisR Talks: Man kann also schon sagen, dass sich die Aufgabe eines Personalchefs in den letzten Monaten sehr sehr verändert hat.

Markus Tomaschitz: Die Arbeit war am Anfang davon geprägt, rund 300 Mitarbeiter in der Corona-Höchstphase von überall aus den Ländern - ob das Australien, Indonesien, Südafrika, Argentinien, Kanada war - nach Hause zu bekommen oder in das Land, in dem sie eigentlich leben. Dann das Thema Sicherheit, Gesundheitsschutz-Maßnahmen, Homeoffice, Kurzarbeit...Es waren sehr sehr viele Themen auf einmal. Und die Personalabteilung war, glaube ich, wie noch nie gefordert und ich meine sagen zu können, dass in meinem Fall der Eigentümer und die Geschäftsführung immer ein sehr breites Verständnis von Personalarbeit hatten - daher ich war überall und von Anfang an voll mit eingebunden. Es war natürlich dann umso leichter, in Phasen wie diesen, auch die richtigen Maßnahmen zu treffen. Man kennt ja die Gesamtzusammenhänge. Aber ja: die Tätigkeit ist mit Sicherheit eine sehr breite und sie ist vielfältiger geworden.

WisR Talks: Sie haben in einem Interview erwähnt, dass im Herbst wieder eine neue Lehrlingsrunde aus der Generationen Z starten wird. Gleichzeit arbeiten Sie mit erfahrenen Mitarbeitern und solchen, die bereits im Ruhestand sind. Wie managen Sie fünf Generationen?

Markus Tomaschizt: Warum wir das überhaupt können, hat eigentlich viel mit der Tätigkeit und dem Aufgabenbereich der jeweiligen Personen zu tun. Es ist etwas anderes, wenn ich ein Leben lang an der Werkbank oder am Fließband stehe, da nimmt die Pensionierung eine ganz andere Rolle im Leben ein. Bei uns sind's im Wesentlichen Wissensarbeiter.

Die sagen mit 65 Jahren: "Ich möchte noch nicht, dass es vorbei ist. Ich würde mein Wissen gerne noch weiter einbringen, wäre gerne noch weiter dabei."

Das sind Personen und Persönlichkeiten, die durch die Aufgabe motiviert sind und die im Laufe ihres Lebens erkannt haben, dass das Weitergeben von Wissen eine extrem bereichernde Aufgabe ist. Sie holen Jüngere  aus der nächsten und übernächsten Generation. Das sind Babyboomer oder vielleicht noch die sogenannten Traditionalisten, die zum Teil noch einen "Siebener" vorne stehen haben, die aber mit einer unheimlichen Leidenschaft und Begeisterung das, was sie ihr Leben lang getan haben, jetzt an die nächste Generation weitergeben. Das ist extrem bereichernd.

Die Zeiten, in denen jemand sein kleines schwarzes Büchlein hatte und möglichst wenig Wissen weitergab sind wirklich eindeutig vorbei.

Dazu hat auch viel beigetragen, dass wir heute mit Design Thinking und agilen Arbeitsmethoden arbeiten, die vielfach diese breitere Kommunikationsmöglichkeit auf unterschiedlichen Ebenen sicherstellen. Auf der anderen Seite haben wir das große Glück, tolle Leute gewinnen zu können, die bei uns arbeiten und wo wir spüren, dass sie mit einem unheimlichen Wissensdurst zu uns kommen, der auch sehr dazu beiträgt, dass die ältere Generation oder die erfahreneren Mitarbeiter:innen das auch gerne weitergeben. Das ist ein riesiges Glück. Die Erwartungshaltung ist hier eine ganze andere. Wir bemerken schon, dass traditionelle Statussymbole, wie etwa, den Parkplatz möglichst nahe zum Arbeitsplatz zu haben oder dass der Schreibtisch möglichst groß sein soll - die verlieren bei jungen Leuten zunehmend an Bedeutung. Die jetzige Generation Z möchte sehr klar wissen, was sie tun kann und was sie tun soll. Da spielt auch das Thema der Vermischung von Privat und Beruflich keine allzu große Rolle mehr - es ist aber wichtig, dass man sie ernst nimmt und auch, dass sie das Gefühl haben, sie können mitreden, sich einbringen, ihre Ideen präsentieren, sie wollen mit am Tisch sitzen. Das Letzte, was diese Generation jetzt hören will, ist: Jetzt sei doch erstmal zehn Jahre bei der AVL, bevor du mitredest. Das haben wir unseren Kolleg:innen mitgegeben: dass sie von Anfang an das Gefühl von einer Teilhabe an den Entscheidungsprozess und der Kommunikation vermitteln.

WisR Talks: Auf kununu schreiben AVL-Mitarbeiter, dass bei Ihnen die Einbindung älterer Mitarbeiter sehr gut ist. Wie gelingt das?

Markus Tomaschitz: Das Geheimnis hängt damit zusammen, dass unser Eigentümer selbst seit über 40 Jahren und der Spitze steht. Er hat ein gewisses Alter und fordert das ganz bewusst auch ein. Wertschätzung beginnt mit diesem Einbinden, mit der bewussten Entscheidung, bei Prozessen dabei zu sein. Was wir nicht haben, ist, dass man sagt: Der eine ist ein digital nativ, der andere ein digital immigrant - die Mitarbeiter binden sich automatisch ein und merken: der Kunde fordert's ein und jeder trägt seinen Teil dazu bei. Ein 25-Jähriger, der von der Uni kommt, tut sich bei Digitalisierungsprozessen leichter. Welche Inhalte wiederum digitalisiert werden sollen, das kommt von der erfahrenen Generation.

WisR Talks: Das ist eine schöne Methode des Wissenstransfers.

Markus Tomaschitz: Dieses Zusammenspiel funktioniert ganz gut. Die Wertschätzung wird auch davon getragen, dass wir von beiden Seiten gleichermaßen immer wieder einfordern, am Tisch zu sein, sich einzubringen.

WisR Talks: Sie haben 11.000 Mitarbeiter auf der ganzen Welt: Da gehen viele Menschen in den Ruhestand. Wie managed Sie deren Offboarding? Gibt es einen speziellen Prozess? 

Michael Tomaschitz: Ja, den gibt es. Wir holen am Ende ein Feedback ein: Wie hast du die Jahre bei der AVL erlebt? Wie hast du deine Aufgabe erlebt? Was würdest du ungeschminkt sagen? Es zeigt sich doch immer wieder, dass man am Ende einen sehr klaren Blick auf die Dinge hat und vieles lobt, was man im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt hat - aber vieles auch kritisch sieht und wir ja auch nur dann besser werden, wenn man die Kritik derer, die Kritik nicht um "der Kritik willen" üben sondern denen es ein ehrliches Anliegen ist, dass die AVL da oder dort besser wird, auch ernst nimmt. Und das tun wir.

Wir laden alle ein, nach dem Austritt, auch weiter mit uns verbunden zu bleiben.

Da gibt es eigene Runden, die sich regelmäßig treffen, es kommen immer wieder Mitarbeiter, auch wenn sie schon längst in Pension sind, zu uns rein und versuchen, mit uns in Kontakt zu bleiben. Wir nehmen das auch sehr aktiv wahr. Sie sind ja eine Art Familie und für den Eigentümer ist es wichtig, dass dass Unternehmen AVL als Familie wahrgenommen wird. Für den einen ist es sehr sehr wichtig, dieses Leben aktiv zu leben, für den anderen ist es das nicht so wichtig. Aber es ist für jeden die Möglichkeit da, das zu nutzen.

WisR Talks: Wann machen Sie sich als Personalchef eigentlich Gedanken darüber, wann Ihre Mitarbeiter:innen in den Ruhestand gehen? Wie hängt das mit der Nachfolgeplanung zusammen?

Markus Tomaschitz: Rechtlich ist es ja so, dass man kündigen muss, damit man überhaupt in den Ruhestand treten kann.

Bei vielen Mitarbeiter:innen fragen wir mit 65 mal nach und hören dann oft: Ich würde gerne noch zwei, drei Jährchen machen. Andere kommen mit 63, erkundigen sich nach Altersteilzeitmodellen, andere wiederum überlegen sich: Kann ich denn früher in Pension gehen und etwas dazuverdienen? Also da gibt es die unterschiedlichsten Modelle.

Aber in aller Regel kommen die Leute schon von selbst. Oder ihre direkten Vorgesetzten sagen: Ich kann auf diese Person überhaupt nicht verzichten. Da müssen wir uns noch mal anstrengen, dass er oder sie noch ein zwei, drei Jährchen - je nachdem, wie lange ein Projekt läuft - noch weiter macht. Man darf auch eines nicht vergessen: Unser Entwicklungsgeschäft, das Engineering-Geschäft, ist sehr projektlastig. Der Kunde hat sich jahrelang an eine Person gewöhnt, die ganz entscheidend dazu beiträgt, dass wir als Unternehmen auch wieder Geschäft lukrieren. Unser Anliegen ist es auch, dem Kunden Verlässlichkeit zu zeigen und verlässlich ist man immer mit den handelnden Personen, die man kennt, deren Qualität man kennt und daher ist es auch ein bisschen ein Geben und Nehmen. Wir wollen den Kunden Verlässlichkeit zeigen auch den Mitarbeiter:innen sagen: bitte bleib noch. Und die Mitarbeiter sagen dann oft: unter gewissen Bedingungen möchte ich das auch gerne machen.

WisR Talks: Was sind denn das für Bedingungen? Was muss man Mitarbeitern bieten, damit sie länger bleiben?

Markus Tomaschitz: Sie möchten Flexibilität, dann zu arbeiten, wenn Arbeit anfällt, sich die Zeit frei einzuteilen. Das ist manchmal leichter, manchmal bisschen schwieriger. Es geht vor allem darum, zu signalisieren, dass man Rahmenbedingungen schafft, die für die betroffenen Mitarbeiter:innen annehmbar sind. Es soll Freude bereiten, dass man nebenbei noch was machen kann.

WisR Talks: Wir sind mit Ihnen seit der WisR-Gründung in Kontakt, Sie haben uns immer Feedback zu unseren Lösungen gegeben und deshalb freut es uns, dass Sie nun zu den Ersten gehören, der eine Initiative gegründet und auch Rahmenbedingungen geschaffen haben, die es Mitarbeitern ermöglichen, auch nach deren Ruhestandsantritt für das Unternehmen tätig zu werden. Wie viele nehmen diese Möglichkeit wahr, wie sieht deren Engagement aus? 

Markus Tomaschitz: Die demografische Entwicklung hat sicherlich eine ganz entscheidende Rolle dabei gespielt, dass wir uns bei diesem Thema sehr offen gezeigt haben. Es war relativ früh klar, dass durch die Rückgänge der Geburtenjahrgänge auch der Rückgang an Absolvent:innen naturwissenschaftlich-technischer Studiengänge kommt und uns gar keine andere Wahl bleibt. Dazu kamen auch die Schwierigkeiten, Mitarbeiter:innen aus anderen Ländern reinzuholen. All das ist nicht ganz leicht und natürlich war eine der Lösungen, die uns relativ rasch eingefallen sind:

Wenn das "von unten" nicht aufgefüllt werden kann, dann lass uns doch "nach oben" hin schauen, dass wir länger von dieser Erfahrung profitieren können. Das war der Beginn der ganzen Thematik. Heute haben wir eine erkleckliche zweistellige Zahl an Mitarbeiter:innen, die schon in Pension sein könnten oder schon in Pension sind - aber noch aktiv bei uns tätig sind und einen ganzen wichtigen Beitrag leisten.

Es war wirklich aus der Not der demografische Entwicklung heraus. Wir haben sie analysiert und gesagt: die einzige Chance ist, dass wir darauf reagieren.

WisR Talks: Mit so einer Initiative weichen ja die klassischen harten Grenzen zwischen beruflicher und nachberuflicher Phase auf. Wie kommt so eine Perspektive bei den Jüngeren an? 

Markus Tomaschitz: Ich glaube, es sind zwei Dinge: Die Jüngeren sehen, dass wir mit der älteren Generation sehr wertschätzend umgehen. Sie beobachten, dass es keine leere Phrase ist, sondern gelebte Praxis. Das Zweite ist, dass wir auch die Lebenspartner der älteren Mitarbeiter einbinden. Klarerweise gibt es auch unterschiedliche Lebensmodelle, wie man den Ruhestand erleben möchte. Es ist wichtig, hier den Partner einzubeziehen und zu überlegen, wie es mit den Kindern, den Enkelkindern ausschaut. Man sollte hier ein ganzheitliches Bild zeichnen, um Enttäuschungen zu vermeiden: Sag uns, wie viel Zeit du wirklich hast, sag uns, was du wirklich machen möchtest, lass es mit dem gegenübertreten, was wir erwarten und dann triff eine Entscheidung. Wir haben auch schon erlebt, dass es anders wurde, als es am Anfang ausgesehen hat: der Partner wollte dann doch etwas anderes, es gab familiäre Verpflichtungen, die dann nicht vereinbar waren - da war die Enttäuschung groß. Beide Seiten sollten wissen, was möglich ist.

WisR Talks: Wie sieht es aus organisatorischer Sicht aus? Wie einfach oder kompliziert ist es, so ein Netzwerk im Unternehmen aufzubauen? 

Markus Tomaschitz: Viele unserer Mitarbeiter teilen eine gemeinsame Leidenschaft und das ist, technologische Entwicklung voranzutreiben, sich in neue Felder einzubringen. Dieses Fit-bleiben und sich weiterhin mit Technologie Beschäftigen bekommt eine Hobbystellung, die man weiterhin beruflich verwirklichen kann. Das ist das Besondere. Die Menschen können in Ihrem Ruhestand Zeit mit ihrem Partner verbringen, wissen dann aber, dass sie auch noch andere Fixpunkte in der Woche haben. Da können sie sich in diese Welt, die sie 20, 30 Jahre begleitet hat, hineinfallen lassen. Das ist eine schöne Balance, die beide Seiten zu schätzen wissen. Sich als Firma darauf einzulassen, ist auch Teil des Geheimnisses.

WisR Talks: Was sind die herausfordernden Seiten? 

Markus Tomaschitz: Man würde manchmal gerne noch mehr Personen sehen, die das annehmen, die noch ein bisschen länger bei uns bleiben. Aber sonst haben wir keine Herausforderungen.

WisR Talks: Als so großes Unternehmen wird man diese Initiative auch messen. Gibt es ein Resümee? Zahlt es sich aus? 

Markus Tomaschitz: Absolut. Es zahlt sich aus. Es ist so wertvoll. Wenn der Arbeitnehmer sagt, das ist toll, das ist der kleine Unterschied zu anderen. Das bestätigt uns.

Wenn wir nicht so einen betrieblichen Erfolg damit hätten, würden wir es nicht machen. So einen Altruismus hält man betriebswirtschaftlich auf Dauer nicht aus.

Aber diese schöne Verbindung aus erfahrenen Persönlichkeiten, die Chancen bieten, sich einzubringen, das am Markt gut ankommt und auch noch Projektzuwächse bringt - das ist der schönste Lernerfolg.

WisR Talks: Natürlich hängt das auch mit dem Engagement der Mitarbeiter:innen zusammen, hier mitzumachen. Welchen Anreiz muss man ihnen denn als Unternehmen bieten, dass sie nicht nur im Ruhestand bleiben bzw. komplett in den Ruhestand gehen? 

Markus Tomaschitz: Ich glaube schon, dass wir ein Arbeitsumfeld geschaffen haben, das attraktiv ist, das auch auf die Erwartungshaltungen der Mitarbeiter:innen Rücksicht nimmt. Das ist der wesentliche Nährboden. Wenn die Mitarbeiter:innen negative Erlebnisse hätten, enttäuscht worden wären oder das Gefühl hätten, das Arbeitsklima und das Betriebsführungsverhalten passen nicht zusammenpassen, dann würden sie gar nicht auf die Idee kommen, zu bleiben. Dann wären sie froh, dass sie gehen können.

In diesem Fall aber spüren sie ja fast eine Art Trennungsschmerz. Ihnen macht es ja Spaß und Freude - auch wenn nicht immer alles am Job Spaß macht. In Summe bleiben aber Lust und Leidenschaft so groß, dass sie da nicht raus möchten. Es ist wie eine glückliche Beziehung - aus der will man auch nicht raus. Das versuchen wir aufzubauen. Das gelingt uns bei Weitem nicht immer, aber immer häufiger.

WisR Talks: Ein schöner Vergleich. Kommen wir noch einmal zum aktuellen Thema Corona. Hat das Expertennetzwerk gerade in so einer Krise unterstützen können? Anders gefragt: Kann man gerade in der Krise verstärkt auf so ein Netzwerk setzen - weil da die Expertise ist, die man jetzt braucht? 

Markus Tomaschitz: Wir würden uns aktuell mehr Arbeit wünschen als wir derzeit haben. Daher haben wir diese Situation nicht, dass wir ältere Mitarbeiter bräuchten, um etwas aufzuholen, wie es im Gesundheits- oder Bildungswesen der Fall ist. Bei uns kommt etwas anderes zu tragen. Erfahrene Mitarbeiter haben schon einiges erlebt: Die Öl-Krise, die IT-Blase, die Finanzkrise und jetzt Corona. Die Sicherheit und die Erfahrung, schon einiges an Krisen erlebt zu haben und immer aus so einer Krise herausgekommen zu sein - und zwar besser, als wir hereingegangen sind - schafft ein unheimlich sicheres Gefühl. Da ist eine Ruhe, eine Beständigkeit, eine Abgeklärtheit im positiven Sinne. Das ist er entscheidende Moment, warum Sie erfahrene Mitarbeiter brauchen. Das macht eine Menge aus.

WisR Talks: Sie beschäftigen sich im Zuge Ihrer Arbeit auch mit der Zukunft der Arbeit. Wie wird sich in den kommenden 5 bis 10 Jahren die AVL verändern? Wie verändert sich generell unser Zugang zu Arbeit? 

Markus Tomaschitz: Corona hat uns gezeigt, dass remote work wunderbar funktioniert. Ich meine, das wird sich weiterhin verstärken. Auch das Vertrauen in die Mitarbeiter nimmt zu. Wir nehmen schon wahr, dass viele Mitarbeiterinnen mehr Flexibilität einfordern - die müssen wir geben. Ohne sie würde es auch gar nicht gehen. Und die Digitalisierung wird Routine-Tätigkeiten substituieren. Heißt: Für uns als Entwickler bleibt mehr Zeit für Entwicklungsphasen. Ich glaube nicht, dass Digitalisierung Arbeit generell oder Berufe substituieren wird, sie wird aber Tätigkeiten substituieren. Was gut ist, denn das schafft uns mehr Freiräume. Wir bei AVL sehen die Automatisation, die Robotik und das Internet der Dinge als große Chancen, mehr Freiheit für Kreativität im Arbeitsprozess zu haben.

WisR Talks: Das heißt kognitive Fähigkeiten, Intelligenz, Kreativität werden weiterhin gefragt sein. Welche Skills, glauben Sie, verabschieden sich mit dem Eintritt in den Ruhestand ihrer Träger:innen in den kommenden Jahren für immer? 

Markus Tomaschitz: Ich glaube nicht, dass irgendwelche Skills ganz unwichtig werden. Aber Aufgaben werden schon verschwinden. Damit meine ich durchaus aus kognitive Tätigkeiten: Kostenrechner, Lohnverrechner, Bilanzierer - das sind Tätigkeiten, bei denen Softwares ganz viel abnehmen können, denn das sind Routinetätigkeiten. Dass es zwar immer noch Buchhalter:innen brauchen wird, ist klar - aber sie werden sich mit anderen Dingen beschäftigen. Das gilt für den Controller - er hat dann noch mehr Zeit, sich damit zu beschäftigen, Aufgaben neu zu denken. Die Skills, die gefragt sind, sind die, die uns vom Computer, Algorithmus und der Software unterscheiden: zwischen den Zeilen lesen, komplexe Kommunikation, Muster erkennen. Wir wissen heute, dass ein Computer Hautkrebs viel besser erkennen kann, als ein Hautarzt. Aber ein Hautarzt mit einem Computer gemeinsam sind nahezu unschlagbar. Es geht nicht um Mensch oder Maschine. Es geht um Mensch mit Maschine. Das ist das Geheimnis: Keine Angst vor der Maschine haben, sondern Mensch und Computer gemeinsam als Interaktion zu verstehen und hier die Stärken herauszuarbeiten.

WisR Talks: Da kommt dann wieder die jahrelange Erfahrung ins Spiel...Apropos: Ihr Eigentümer Helmut List ist 79 Jahre alt und ist immer noch im Unternehmen aktiv. Was haben Sie von ihm gelernt? 

Markus Tomaschitz: In allen Lebenslagen einen kühlen Kopf zu bewahren, einmal durchzuschnaufen, vielleicht noch einmal eine Runde zu drehen und die Dinge reflektieren, um dann mit ruhiger Hand eine Entscheidung umzusetzen. Professor List ist ein unheimlich überlegter, ruhiger Mensch, der sich nicht hektisch in etwas hineintreiben lassen möchte. Dadurch kommen aus meiner Sicht in aller Regel bessere Entscheidungen zu Tage.

WisR Talks: Was wäre Ihr Give-Away-Tipp an Unternehmen, die nun ebenfalls den demografischen Wandel angehen möchten? 

Markus Tomaschitz: Das Geheimnis ist, dass man den älteren Mitarbeiter nicht als hohen Kostenposten sieht, der möglichst früh in den Ruhestand zu schicken ist. Sondern, dass man vor allem seinen Wert erkennt. Jüngere mögen manchmal schneller sein, aber die Älteren kennen die Abkürzung. Im Team gemeinsam ist das nahezu unschlagbar. Ich würde hier bitten, nicht nur die Kostenseite zu sehen sondern vor allem auch den Ertrag, den Gewinn. Und das Zweite:

Mitarbeiter wollen nicht mehr zum alten Eisen gezählt werden und sie sind es auch durchaus nicht mehr. Man kann ihnen viel zutrauen.

Ich erlebe viele 60-, 65-Jährige, die im Kopf sehr viel jünger sind als mancher 30-Jährige. Die sich mit Sport, gesunder Ernährung, einem ausgeglichenen Lebensstil und viele Interessen jung halten. Ich würde mir da mehr Mut für den Einsatz dieser Generation wünschen. Sie ist deutlich einsatzbereiter als wir glauben.